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Durchgeknallt? Hysterisch? Spinnert?

Welcher Pferdefreund hat nicht schon einmal dieses oder ähnliche gängige (Vor-)Urteile über arabische Pferde gehört? Nun, was ist daran wahr und was ist sprichwörtliche "Urban Legend"? Wir als Araberbesitzer wollen eine Lanze für diese Rasse brechen und mit ein paar (provokanten?) Gegenfragen antworten, die mit dem reiterlichen "Du" formuliert sind:

  • Traust Du Dir zu, ohne Sattel auszureiten?
  • Traust Du Dir zu, nur mit einem Stallhalfter anstatt einer Trense/Kandare auszureiten?
  • Traust Du Dir zu, mit Deinem Pferd alleine auszureiten?
  • Traust Du Dir zu, mit Deinem Pferd im Dunkeln oder in der Dämmerung auszureiten?
  • Traust Du Dir zu, all die obigen "Waghalsigkeiten" gleichzeitig zu tun?
  • Kannst Du Dein Pferd nur mit einem Halsring durch einen Trail- oder Springparcour reiten?
  • Kannst Du mit Deinem Pferd ohne alles - auch ohne Halsring - an einem Tonnenrennen (Barrel Race) teilnehmen, ohne dass es durchgeht?
  • Kannst Du bei einem Ausritt ein Handpferd mitnehmen? Geht das auch mit einem Hengst?
  • Kannst Du bei einem Ausritt zu zweit im Schritt bleiben, wenn Dein Partner sich von Dir trennt und weggaloppiert? Und bleibt Dein Pferd im Schritt, wenn Dein Partner nach einiger Zeit umdreht, auf Dich zu- und ohne Durchzuparieren in 2m Abstand an Dir vorbei in die Gegenrichtung wieder weggaloppiert?
  • Kannst Du, wenn Du an einer Jagd teilnimmst und unterwegs Deine Gerte verlierst, durchparieren, umdrehen, gegen das Dir entgegenkommende Galloppfeld reiten, anhalten, Deine Gerte wieder einsammeln und dann gemütlich dem Galoppfeld hinterherkartoffeln?
  • Kannst Du mit Deinem Pferd Fahradfahren gehen, Dein Pferd trabt/galoppiert neben Deinem Fahrrad her, ohne Dich über den Haufen zu rennen oder Dich in den nächsten Graben zu zerren? Und geht das auch noch, wenn Du dabei unerwartet auf einen großen Mähdrescher trifftst, der in 5m Entfernung auf Hochtouren läuft?
  • Kannst Du Dein Pferd unter Kontrolle halten, wenn Du einen Ausritt im Wald machst und plötzlich wegen des letzten Sturms vor ein paar Tagen in 10m Entfernung von Dir ein geschwächter Baum umbricht und auf den Weg fällt? Bleibst Du im Sattel oder landest Du im Dreck? Und wieviele m brauchst Du um wieder 100% Kontrolle zu bekommen?

 Warum gehen all diese Dinge mit unseren Arabern, wo sie doch so "durchgeknallt", "spinnert" und "hysterisch" sind?

Zayana

Diese Frage beantwortet sich nicht in einem Satz und wir sind "nur" Freizeitreiter und keine erklärten Pferdeprofis, die ihren Lebensunterhalt mit diesen Tieren verdienen. Uns fallen aber durchaus die folgenden Punkte ein:

  • Arabische Pferde sind etwas sensibler als Warmblutpferde und sie wollen auch, dass man sensibel mit ihnen umgeht. Wir wollen bestimmt nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen und jeder Reiter wird dies, persönlich darauf angesprochen, mit Sicherheit brüsk von sich weisen. Aber es gibt nun mal eine Menge Reiter jedweder Couleur, die mit ihren Tieren nicht so sensibel umgehen wie dies nötig und sinnvoll wäre. Und während ein Warmblut diese falsche/nicht optimale Behandlung charakterlich durchaus (mal) wegstecken kann, hat der sensible Araber damit ein Problem! Was wir sagen wollen: Es ist unserer Auffassung nach zumeist der Mensch selbst, der das Arabische Pferd zu dem sprichwörtlichen Hysteriker macht! Die Hysterie ist aber keinesfalls im Charakter des Arabers verankert, wie nur zu gerne unterstellt wird.
  • Pferde sind gesellige Herdentiere, sie brauchen den Sozialkontakt zu anderen Pferden. Und Pferde sind Lauftiere, die von der Natur ursprünglich so angelegt worden sind, dass sie den Großteil des Tages grasend durch die Gegend ziehen. Wie passt dies nun zusammen mit dem Extrembeispiel einer Boxenhaltung - Ständer sind zum Glück heutzutage ja nicht mehr erlaubt - ohne Weidegang, die täglich lediglich für eine Stunde durch Reiten in immer der gleichen Halle unterbrochen wird? Deutlich ausgesprochen: Es ist nicht wirklich artgerecht und es macht den Pferden unnötigen, vermeidbaren Streß. Und Streß ist der Antagonist zu Ausgeglichenheit und Nervenstärke. Von daher ist Boxenhaltung für uns seit vielen, vielen Jahren keine gangbare Pferdehaltungsform. Unsere Pferde leben in Offenstallhaltung, sie haben jederzeit Kontaktmöglichkeit zu Artgenossen und können sich nach Belieben unterstellen (was sie bei schlechtem Wetter auch tun) oder draußen herumlaufen. Das Ergebnis bei unseren Pferden ist Gelassenheit, Ausgeglichenheit und ein verlässlicher Geländepartner, der willig mitarbeitet.
  • "Wer nicht wagt..." - Wer kennt dieses Sprichwort nicht? Ich kann z. B. nicht erwarten, dass ich mit einem gelassenen Pferd ins Gelände gehen kann, wenn ich es nie tue, weil es dann für das Tier eine völlig neue, unbekannte Situation ist und ich dementsprechende Reaktionen bekomme. Ich gehe also nicht ins Gelände, weil mein Pferd nicht gelassen ist und mein Pferd ist im Gelände nicht gelassen, weil ich nie mit ihm dorthin gehe und es das nicht kennt. Wie ist dieses Henne-Ei-Problem* zu lösen? Eigentlich recht einfach, die Lösung heißt "damit anfangen". Und zwar wörtlich gemeint "anfangen" und nicht "hau-ruck, das ziehen wir heute mal durch". Tiere lernen wie Menschen auch, indem man ihnen eine bewältigbare Aufgabe stellt, einen Anreiz gibt und durch Wiederholung mit einer angemessenen Steigerung der Anforderungen. Um beim Beispiel Gelände zu bleiben, man fängt also mit wenig an, kurze Ausritte, wenn nötig nur innerhalb der Sichtweite des Stalls, und steigert das in angemessener Weise bei jedem Mal - etwas länger, etwas weiter weg. Und irgendwann geht's dann. Auf diese Weise lassen sich viele Probleme angehen und bewältigen, Hänger fahren, Wassergräben, etc.

 

* Das Henne-Ei-Problem ist anbei bemerkt generell als gelöst zu betrachten:
Natürlich war das Ei zuerst da, wo soll denn sonst die Henne hergekommen sein? Ja und das Ei? Na, das ist mutiert, ist doch logisch!

 

 


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